Nehmen psychische Erkrankungen zu?

Wenn man den Medien Glauben schenkt, sind psychische Erkrankungen in Deutschland und anderen Industrienationen stark auf dem Vormarsch: Das Burnout-Sxyndrom scheint sich zu einer Volkskrankheit zu entwickeln, Alkoholismus ist ein nicht unter Kontrolle zu bekommendes Problem in der Gesellschaft und auch Erkrankungen wie Neurodermitis, welche häufig auf die Psyche zurückzuführen sind, scheinen sich beständig auszubreiten. Indes stellt sich die Frage, inwieweit tatsächlich eine ernste Zunahme solcher Erkrankungen vorliegt.

Zunächst gilt es, eine tatsächliche Zunahme solcher Erkrankungen von einer gefühlten Zunehme zu unterscheiden. Es ist etwa bekannt, dass die Zahl schwerer Gewaltverbrechen in Deutschland seit Jahren rückläufig ist. Dennoch werden die meisten Bürger, danach befragt, angeben, solche Verbrechen seien stark auf dem Vormarsch. Der Grund hierfür ist die größer gewordene Zahl der Medien und deren immer hysterischer und reißerischer werdende Berichterstattung. Ähnliches kann etwa für psychische Erkrankungen wie den Burnout gelten: Die Tatsache, dass diese Erkrankung ständig in diversen Wochenzeitschriften behandelt wird, kann dazu führen, dass man zu der Ansicht gelangt, es hier mit einem Massenphänomen zu tun zu haben, was indes nicht unbedingt zutreffen muss. Lediglich die Aufmerksamkeit hat zugenommen.

Das Burnout-Syndrom hat als die wohl am Häufigsten genannte „neue“ psychische Erkrankung zudem eine weitere Facette, welche es schwer macht, die tatsächliche Verbreitung dieser Erkrankung zu beurteilen: Den Imagewandel der Krankheit. Das Gesundheitsmagazin Homepharma.de veröffentlichte dazu vor kurzem einen interessanten Artikel.

Das Burnout-Syndrom ist als eine eher leichte Depression definiert. Nun war eine Depression in früheren Zeiten eine Krankheit, welche mit Schimpf beladen war: Depressive Menschen galten als Schwächlinge, als Feiglinge, als Drückeberger oder als Versager. Niemand gab von sich gerne zu, unter Depressionen zu leiden; die Krankheit wurde häufig in sich „hinein gefressen“ oder in Form häuslicher Gewalt hinter verschlossenen Türen ausgelebt. Der Burnout hingegen hat ein vollkommen anderes Image: Die Krankheit der Leistungsträger. Die Welt berichtete diesbezüglich bereits.

Das Burnout-Syndrom gilt als eine Krankheit, welche vor allen Dingen Führungskräfte befällt und damit Leute, die sich überarbeiten. Es ist also gesellschaftlich mit einem gewissen Ansehen verbunden, einen Burnout zu haben, denn es zeigt, dass man gefragt, erfolgreich und ungeheuer tüchtig ist. Viele Menschen, die sich mit den selben Symptomen früher nicht zum Arzt getraut hätten, tun dies heute voller Stolz.

Psychische Krankheiten haben dazu einen gewissen Trittbrettfahrereffekt: Ein Burnout-Syndrom ist auch von einem Facharzt nur schwer zu widerlegen und so eine willkommene Gelegenheit, ein wenig Abstand vom beruflichen Alltag genießen zu können und gleichzeitig ein hohes Ansehen zu genießen zumal es auf anderen Wegen immer schwerer wird, eine Kur zu erhalten.

Dass allerdings in jüngster Zeit immer mehr junge Menschen an Symptomen eines Burnout leiden, welche eigentlich keinen besonders verantwortungsvollen Tätigkeiten nachgehen, dürfte einen anderen Grund haben: Es ist weniger die berufliche als eher die private Überlastung durch die vollkommen übertriebene Nutzung der mobilen Kommunikation. Wer überhaupt nicht mehr abschaltet, da nur noch telefoniert und kommuniziert wird, darf sich nicht wundern, wenn er oder sie tatsächlich ausbrennt. Zu diesem Schluss kam auch schon das Brigitte Miller von business-netz.com.

Bild: © lassedesignen – Fotolia.com

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